Wer bist du, meine Schöne?

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Was verbirgt sie vor ihm? Ian Danforth spürt, dass seine neue Assistentin Katie ein Geheimnis hat. Trotzdem fühlt er sich zu ihr hingezogen wie zu keiner Frau je zuvor. Doch selbst nach einer leidenschaftlichen Liebesnacht weigert sie sich, ihm ihr Herz zu öffnen …

Erleben Sie in der zwölfteiligen Danforth Serie die Geschichten des skandalträchtigen und steinreichen Danforth Clans. Folgende Titel gehören zur Serie:

1. Der Duft dieser Frau
2. Dreißig Nächte der Versuchung
3. Heiße Hochzeit in Las Vegas
4. Wie verführt man seine Feindin
5. Wer bist du, meine Schöne?
6. Im Bann des Scheichs
7. Darf eine Nanny sexy sein?
8. Liebe - bei Tag und bei Nacht
9. Riskante Affäre - verräterische Küsse
10. Gefährlich heiße Leidenschaft
11. Heiße Schwüre - wahre Liebe?
12. Küss mich, wenn uns keiner sieht


  • Erscheinungstag 29.10.2015
  • ISBN / Artikelnummer 9783733765934
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Ich habe sie gefunden, Sir!“ Die fröhliche Stimme im Handy verkündete die erste gute Nachricht seit Wochen.

Ian Danforth, der junge Geschäftsführer von Danforth & Danforth Import Company unterbrach das Training im Fitnessraum der Firma und griff nach seinem Handtuch. Er presste das flauschige Baumwolltuch an seine schweißnasse Stirn und legte es sich dann um die Schultern.

„Ausgezeichnet“, entgegnete er keuchend und versuchte, Atem zu schöpfen. „Wann kann sie anfangen?“

„Sie kommt von einer Zeitarbeitsfirma, kann also sofort beginnen.“ Holly Francis, seine Personalchefin, klang erleichtert. „Sie heißt Katie O’Brien. Ich habe mit ihr gesprochen, und ich denke, sie wird Ihnen gefallen. Sie ist eine sehr selbstsichere junge Frau, mit anscheinend hoher sozialer Kompetenz, allerdings ohne große Sekretariats…“

„Ich brauche keine Biografie der Frau“, unterbrach Ian ungeduldig.

Er rollte erst die eine, dann die andere Schulter, um die Muskeln zu lockern, die durch das Bankdrücken verspannt waren. Schalt einen Gang runter, Danforth, ermahnte er sich. Es war nicht die Schuld der armen Holly, dass seine Assistentin ihn so plötzlich verlassen hatte. Auch war sie nicht dafür verantwortlich, dass er so nervös war. Die internen Familienprobleme waren zu einem ernsthaften Thema im Unternehmen geworden.

Begonnen hatte alles, als sein Vater Abraham Danforth seine Kandidatur zum Senator von Georgia erklärte. Seither schüttelte eine Krise nach der anderen die angesehene Familie und ihr erfolgreiches Importunternehmen. Und der Verlust seiner Assistentin hatte das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht. Aber das alles gab ihm nicht das Recht, die arme Holly anzuschnauzen.

Er versuchte, seinen Tonfall zu mildern. „Sie ist nur eine Zeitarbeitskraft. Es reicht, dass sie Anrufe entgegennehmen kann und die Ablage im Griff hat, bis wir einen dauerhaften Ersatz aufgetan haben.“

„Natürlich, Sir.“ Es gab nur ein winziges Zögern, dann fügte Holly mit zuckersüßer Stimme hinzu: „Soll ich die junge Frau direkt in die Höhle des Löwen schicken, oder …“

„Es reicht, Miss Francis.“ Doch Ian musste lächeln. Gott sei Dank hatte zumindest Holly bei all dem Chaos ihren Sinn für Humor nicht verloren.

Zunächst war auf dem Dachboden der Villa seiner Eltern eine Frauenleiche gefunden worden, was die ganze Familie in einen Schockzustand versetzt hatte. Bei der Verstorbenen handelte es sich, wie sie nun wussten, um das Sorgenkind der Haushälterin, das an einem angeborenen Herzfehler gelitten hatte. Dann hatte es im Bürogebäude der Firma eine Explosion gegeben, deren Ursache immer noch nicht geklärt war. Und zu allem Überfluss machten nun auch noch dubiose Geschäftsleute aus Kolumbien Druck, den Kaffeebohnenlieferanten für D&D’s zu wechseln. Das alles hatte Ian die gute Laune verdorben.

Er dankte dem Allmächtigen, dass das fünfgeschossige Bürohaus, das noch aus der Zeit vor dem amerikanischen Bürgerkrieg stammte, zum Zeitpunkt der Bombenexplosion leer gewesen war. Niemand war zu Schaden gekommen. Dennoch, eine Etage war beträchtlich zerstört worden, und sowohl die Polizei als auch die Familie nahmen den Vorfall sehr ernst.

Als Geschäftsführer fühlte Ian sich verantwortlich für die Sicherheit seiner Angestellten. Bisher hatte die Polizei nicht herausfinden können, wer den Sprengstoff gezündet hatte. Doch die Ausführung war professionell gewesen und hatte offenkundig Angst einjagen sollen – vermutlich war es der Versuch gewesen, die Danforth-Familie zu etwas zu zwingen, das sie nicht bereit war zu tun. Ian schüttelte die dunklen Gedanken ab und sagte sich, dass er einen Schritt nach dem anderen gehen musste.

„Ich ziehe mich um und treffe sie in der fünften Etage.“

„Sie ist auf dem Weg zu Ihnen. Ich bringe sie persönlich zu Ihrem Büro.“

„Danke, Holly. Ich weiß Ihr Engagement zu schätzen. Wirklich.“ Er klappte sein Handy zu und ging in Richtung Dusche.

Der plötzliche Verlust seiner Assistentin hatte ihm die letzte Woche zur Hölle gemacht. Er hatte sich auf Gloria verlassen, seit sein Vater ihm, dem ältesten Sohn, die Leitung der Firma übertragen hatte. Nicht, weil der Senior zu alt gewesen wäre, das Millionenunternehmen der Familie weiterzuführen. Abraham, der knallharte Vietnamveteran, liebte Herausforderungen und hatte angeborene Führungsqualitäten. Deshalb schien es immer schon unvermeidlich gewesen zu sein, dass er irgendwann in seinem Leben nach einem politischen Amt streben würde. Jetzt, mit Mitte fünfzig, war es so weit.

„Honest Abe II“ hatte seine Wahlkampfmanagerin ihn in Anspielung auf Abraham Lincoln getauft, um auf seinen über jeden Tadel erhabenen Ruf hinzuweisen. Jetzt war es entscheidend, dieses Image aufrechtzuerhalten und jeglichen Skandal im Keim zu ersticken. Und zwar ohne dass die Presse Wind davon bekam.

Außerdem musste Ian dafür sorgen, dass die Firma lief. Zusätzlich zu den Importgeschäften des Unternehmens leitete Ian auch eine Kette exquisiter Coffeeshops, D&D’s, die er selbst als Zweig der ursprünglichen Firma seines Vaters und Großvaters gegründet hatte.

Gloria war bei all dem eine unschätzbare Hilfe gewesen. Sie hatte ihn an wichtige Meetings erinnert, ihm den Rücken freigehalten, indem sie lästige Anrufer abwimmelte, und hatte die Presse in die Schranken gewiesen, als sich die Situation in der Familie zuspitzte. Aber ihre Mutter war plötzlich krank geworden, und es war nur zu verständlich, dass sie sich um sie kümmern wollte. Das Letzte, was er von ihr gehört hatte, war, dass sie wieder in ihre Heimat Ohio gezogen war. Er machte sich im Geiste eine Notiz, Holly damit zu beauftragen, Glorias neue Adresse ausfindig zu machen und ihr Blumen zu schicken.

Zwanzig Minuten später trat Ian in einem hellgrauen Armani-Anzug in der fünften Etage aus dem Fahrstuhl. Er wünschte den Angestellten, die durch den Flur hetzten, einen guten Morgen und verschwand durch die schwere Eichentür in die Büroräume der Geschäftsleitung.

Eine junge Frau mit kastanienbrauner Lockenpracht blickte von der Couch im Empfangsbereich zu ihm auf. Sie strahlte ihn aus ihren grünen Augen erwartungsvoll an. Sie wirkte schrecklich jung, verglichen mit Gloria. In dem Moment, als sie ihn sah, sprang sie auf, trat eifrig einen Schritt vor und streckte eine Hand aus.

„Mr Danforth, ich bin so glücklich, dass ich für Sie arbeiten darf“, sagte sie atemlos. „Sie können sich nicht vorstellen, wie aufregend es für mich ist, hier zu sein, in einem richtigen Büro. Wenn es irgendetwas gibt, was ich tun soll, dann sagen Sie es einfach. Vielleicht hat Ihnen die Zeitarbeitsfirma gesagt, dass ich nicht viel Erfahrung habe …“ Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus, und Ian hatte Schwierigkeiten, ihr zu folgen. „Aber ich lerne wirklich schnell, und ich werde hart arbeiten. Ich schwöre, Sie werden nicht enttäuscht sein …“

Er zuckte zusammen, als sie kräftig seine Hand schüttelte. Es machte ihn schon völlig fertig, ihr nur zuzuhören.

„Stop!“, brüllte er.

Sie blickte ihn an, und ihm stockte für einen Moment der Atem, als er das Blitzen in den jadegrünen Augen sah. „Habe ich etwas Falsches gesagt?“, fragte sie.

„Sie reden zu viel.“

„Wie bitte?“ Sie folgte ihm in sein Büro und über den dunkelblauen Aubussonteppich an seinen Schreibtisch.

Er deutete auf einen Stuhl. „Nehmen Sie Platz, aber machen Sie es sich nicht zu gemütlich, Miss O’Brien. Danforth and Company unterstützt bei der Neubesetzung von Stellen innerbetriebliche Bewerbungen.“

Sie lächelte. „Das ist sehr lobenswert.“

Er erwiderte ihr Lächeln. „Ja … nun, die Personalabteilung hat schon damit begonnen, entsprechende Vorstellungsgespräche zu führen. Ich glaube nicht, dass wir Sie länger als ein oder zwei Wochen benötigen. Also entspannen Sie sich, gehen Sie ans Telefon, wenn es klingelt, und kümmern Sie sich um die Ablage. Das genügt völlig für Ihren kurzen Besuch bei uns.“

„Oh“, murmelte sie und senkte den Blick.

Er empfand ein wenig Mitleid mit ihr. Doch es wäre unfair, ihr falsche Hoffnungen zu machen. „Trotzdem, Ihre Mitarbeit hier ist wichtig. Sie halten sozusagen die Stellung, bis die Kavallerie eintrifft.“

Sofort strahlte sie wieder. „Das schaffe ich.“

Dessen war er sicher. Mit ihrem jugendlichen Elan könnte sie wahrscheinlich auch Berge versetzen.

Was soll’s, dachte er. Ihm gefiel ihre Tatkraft, auch wenn ihm bei so viel Energie fast schwindelig wurde.

Er dachte über ihren Akzent nach. Sie war definitiv nicht in Georgia aufgewachsen. Wahrscheinlich überhaupt nicht im Süden. Eher im Mittleren Westen der USA.

Spielt eigentlich keine Rolle, dachte er. Zeitarbeitskräfte kamen und gingen.

„Können Sie tippen, Miss O’Brien?“

Sie blickte ihn über den Schreibtisch hinweg an und zögerte einen Moment, als wäre sie nicht sicher, ob er tatsächlich mit ihr sprach. „Ja.“ Sie lachte nervös. „Natürlich kann ich tippen.“

„Kenntnisse in der Textverarbeitung?“

„Die üblichen.“ Sie lächelte, saß sehr aufrecht, die Hände sittsam im Schoß gefaltet, die Knie und Waden aneinandergepresst, als hätte man ihr beigebracht, wie eine Lady zu sitzen.

Irgendetwas an ihr stimmte nicht. „Welche Ausbildung haben Sie, Miss O’Brien?“

„Katie“, sagte sie. „Ich möchte gern Katie genannt werden.“

Er lehnte sich mit den Schultern gegen die hohe Rückenlehne seines Schreibtischstuhls, faltete die Hände hinter dem Kopf und betrachtete die junge Frau. „Okay, Katie, wo sind Sie zur Schule gegangen?“

Offensichtlich schien sie kurz über die Frage nachdenken zu müssen. „Belmont College.“ Sie nickte, als erschienen ihr die Worte richtig.

„Ich glaube, davon habe ich noch nicht gehört.“

„Es ist ein kleines College in Arizona. Eine Art …“, das Funkeln in ihren Augen ließ sein Herz schneller schlagen, „… Community College. Ein College zur Berufsausbildung und Vorbereitung auf ein Hochschulstudium.“

„Verstehe. Haben Sie je in einem Büro gearbeitet?“

Sie biss sich mit ihren strahlend weißen, ebenmäßigen Zähnen auf die Unterlippe und betrachtete ihn besorgt. „Nein. Aber wie ich schon sagte“, fuhr sie hastig fort, „lerne ich schnell. Ich tippe schnell, beherrsche die Rechtschreibung, mache gern Ablage und …“

„Sie machen gern Ablage?“ Er musste lachen.

Wütend blickte sie ihn an. „Was ist so lustig an ehrlicher Arbeit?“

„Nichts.“ Er zwang sich, sein Lächeln zu unterdrücken. Woher, fragte er sich, kam diese plötzliche Feindseligkeit?

„Ich kann genauso arbeiten wie jeder andere auch. Alles, worum ich bitte, ist eine Chance. Wenn Sie mir die nicht geben wollen …“ Sie sprang auf, und er hatte das Gefühl, als würde sie ihm gleich über den Schreibtisch hinweg an die Gurgel gehen. Stattdessen griff sie aber nach ihrer Tasche und wandte sich zur Tür. „Ich denke, das Gespräch war für uns beide reine Zeitverschwendung.“

„Warten Sie!“

Sein herrischer Tonfall hallte in dem Raum nach.

Ganz langsam drehte sie sich um und warf ihm einen kalten Blick über die Schulter zu. Dabei zog sie eine Augenbraue hoch, als wollte sie sagen: Sie wagen es, die Stimme gegen mich zu erheben? Das naive Mädchen war plötzlich verschwunden. Es hatte sich in der Luft aufgelöst.

Diese junge Frau, stellte er jetzt fest, hat ihren eigenen Willen. Und Temperament. Gut, dachte er, das macht es interessant, mit ihr zu arbeiten.

Er stand hinter seinem Schreibtisch auf. „Tut mir leid, wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin, Miss O’Brien … Katie. Bitte bleiben Sie.“

Langsam ging sie wieder auf den Schreibtisch zu und beobachtete Ian argwöhnisch. „Es ist nicht so, dass ich nicht noch andere Möglichkeiten hätte“, sagte sie. „Ich kann alles sein, was ich sein will.“

Er musterte sie, erstaunt über ihre Wortwahl. Alles sein, was sie wollte? Nicht tun? Er entschied, besser nicht zu fragen. Es wäre unklug, sich auf eine weitere Diskussion einzulassen.

„Ich erwarte nur, dass Sie mir helfen, meine Arbeitstage zu organisieren, bis wir eine feste Kraft für diesen Job gefunden haben.“ Er deutete auf den Stuhl, von dem sie gerade aufgesprungen war, und sie setzte sich wieder. „Das beinhaltet die Annahme der Anrufe, Korrespondenz, Terminführung. Außerdem begleiten Sie mich zu einigen Terminen, um Protokoll zu führen. Meinen Sie, das schaffen Sie?“

Sie nickte. Die Augen weit aufgerissen, die Lippen fest aufeinandergepresst, als koste es sie immense Konzentration, sich nicht zu bewegen, während er sprach. „Auf jeden Fall“, murmelte sie.

„Schön.“ Er atmete erleichtert aus und hatte das Gefühl, eine Schlacht geschlagen zu haben. Dabei war es noch nicht einmal neun Uhr morgens! „Sie können gleich morgen früh anfangen, wenn das okay für Sie ist.“

„Nicht heute?“ Sie schien enttäuscht zu sein.

„Heute muss ich mich um eine familiäre Angelegenheit kümmern. Es wäre nicht fair, Sie am ersten Tag auf sich allein gestellt zu lassen. Aber wenn Sie wollen, werfen Sie einen Blick in Glorias Schreibtischschublade. Sie hat dort detaillierte Anweisungen zu den Abläufen für ihre Nachfolgerin hinterlassen. Sie können sie gern mit nach Hause nehmen, um sie in Ruhe zu studieren. Morgen, Punkt acht Uhr, beginnen Sie dann mit der Ablage und nehmen Anrufe entgegen.“

„Super!“, flötete Katie. Sie schenkte ihm ein Lächeln. Aus einem unerfindlichen Grund beunruhigte ihn dieses Lächeln mehr, als dass es ihn beruhigte.

„Katie O’Brien“, murmelte sie und kuschelte sich mit einer Tasse Kaffee und den Unterlagen, die sie mit nach Hause genommen hatte, in eine Ecke des Sofas. Tschüss, Katherine Fortune – hallo, Katie O’Brien. Meine neue Identität. „Hauptsache, du denkst immer daran, wer du bist“, ermahnte sie sich und feierte diesen wichtigen Tag mit einem Kaffee aus einem angeschlagenen Kaffeebecher.

Es war kurz nach Mittag. Sie war gerade von ihren Besorgungen zurückgekommen und machte sich jetzt an das, was sie als ihre Hausaufgabe betrachtete. Bezahlte Hausaufgabe, dachte sie fröhlich. Danforth bezahlte sogar diesen Vorbereitungstag.

Es sah definitiv gut für sie aus.

Ihr Zuhause zu verlassen war eine sehr impulsive Entscheidung gewesen. Und auch beängstigend, wie sie sich eingestand. An jenem ersten Tag, als sie nach Tucson getrampt war, hatte sie nicht einmal gewusst, wohin sie eigentlich wollte. Es war ihr nur klar geworden, dass sie nicht in Arizona bleiben konnte. Ihre Familie würde sie sofort finden und zwingen, nach Hause zurückzukommen.

Und sie hatte nicht nur vor der Aufgabe gestanden, den geeigneten Aufenthaltsort für ihr neues Leben als unabhängige Frau zu finden, es hatten sie auch noch ganz andere Sorgen geplagt. Zum Beispiel, wovon sie eigentlich leben sollte. Sie konnte weder die Kreditkarten ihres Dads benutzen noch an ihr Konto gehen oder Schecks ausstellen. Alle Kontobewegungen konnten nachverfolgt werden. Sie musste also völlig neu beginnen.

Daher hatte sie auch ihr Greyhound-Ticket in bar bezahlt.

Als der Bus Arizona in östliche Richtung verließ, dachte sie an eine ihrer Kommilitoninnen, Kate O’Brien. Gerade letzten Monat hatte Kate ihr in einer E-Mail aus Savannah überglücklich von ihrem neuen Job berichtet, für den sie nach Europa würde ziehen müssen.

Kate war auf dem Campus berüchtigt gewesen für ihre verrückten Einfälle, doch Katherine hatte immer ihre Individualität und ihren Mut bewundert. Und einige ihrer Ideen waren wirklich unglaublich gut gewesen! Also hatte Katherine sie in London angerufen.

„Wenn du wirklich verschwinden willst“, schlug Kate aufgeregt vor, „dann werde doch ich.“

Du werden?“ Katherine hatte nur auf einen Hinweis gehofft, wo sie vorübergehend unterkommen könnte, bis sie sich eine eigene Wohnung leisten konnte. Vielleicht in Savannah.

„Klar. Uns wurde doch immer gesagt, dass wir aussehen wie Geschwister. Zwillinge, wenn ich nicht rote Haare hätte. Ich habe meinen Führerschein und andere Karten, von denen ich wusste, dass ich sie hier nicht benötige, in die oberste Schublade meines Schreibtischs zu Hause gelegt. Und da ich die Wohnung erst vor Kurzem gekauft habe, kennt mich noch keiner der Nachbarn.“

„Ich zahle dir Miete, sobald ich einen Job habe“, versprach Katherine.

„Das hat Zeit. Bekomm nur kein Ticket wegen zu schnellen Fahrens, und begeh kein Verbrechen. Du kannst ich sein, solange ich weg bin.“

Und so färbte sich Katherine Fortune, Tochter eines milliardenschweren Bauunternehmers, ihr dunkelbraunes Haar in einem sexy kastanienbraunen Ton, kaufte eine Nickelbrille mit Fensterglas … und wurde zu Katie O’Brien. Es war so einfach gewesen, dass sie es selbst kaum glauben konnte.

Am schwierigsten war es gewesen, einen Job zu finden. Bei der Hälfte der Bewerbungsgespräche wurde ihr gesagt, sie sei überqualifiziert. Nur, weil sie einen Universitätsabschluss hatte. Für einen Kellnerjob fehlte ihr die Erfahrung, und auch bei Verkäufern wurde eine spezielle Ausbildung gefordert.

Wie sollte sie eigentlich Berufserfahrung erlangen, wenn nur Bewerber mit Erfahrung eingestellt wurden? Es war wirklich frustrierend.

Schließlich schlug ihr der Manager eines Einkaufszentrums vor, es bei einer Zeitarbeitsfirma zu versuchen. „Die haben immer einen Mangel an zuverlässigen Bürokräften, und vielleicht erhalten Sie dort sogar eine entsprechende Fortbildung.“

Katherine machte sich sofort auf den Weg zu Execu-Temps, die zufällig gerade einen Notruf von einem örtlichen Kaffeeimportunternehmen bekommen hatten.

Perfekt! dachte sie. Schließlich liebte sie Cappuccino. Was musste sie mehr wissen?

Katie, rief sie sich wieder in Erinnerung. Katie gefiel ihr weitaus besser als Katherine, was in ihren Ohren spießig klang. Außerdem war es ein legitimer Spitzname. Vielleicht sollte sie auch später, wenn sie ihr Leben sortiert hatte, darauf bestehen, so genannt zu werden. Sie würde sich schließlich nicht für immer vor ihrer Familie verstecken müssen. Nur bis sie wusste, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte, und einen guten Start hingelegt hatte.

Was sie tun wollte, nicht was andere von ihr erwarteten. Nun hatte sie immerhin schon einen richtigen Job. Und sie hatte ihn allein gefunden. Mann war das ein gutes Gefühl!

Und es würde sich noch besser anfühlen, wenn sie den ersten Gehaltsscheck in der Hand hielt. Die Zeitarbeitsfirma hatte ihn zum Ende der Woche versprochen.

Bis dahin hatte sie genug Lebensmittel im Kühlschrank und Bargeld für den Bus. Allerdings lag das Danforth-Gebäude nah genug, um dorthin zu Fuß zu gehen. Vielleicht sollte sie das auch tun und sich das bisschen Geld, das sie noch im Portemonnaie hatte, sparen.

Keine teuren Essen in eleganten Restaurants, rief sie sich in Erinnerung, während sie an ihrem Instantkaffee mit Milchpulver und pinkfarbenem Süßstoff nippte. Kein Shopping in den Nobelboutiquen, die sie entdeckt hatte, als sie durch die Broughton Street geschlendert war. Keine Maniküre, keine Pediküre, keine Massagen oder sonstigen Luxus, an den sie gewöhnt war … bis sie ihn sich von ihrem eigenen Geld erlauben konnte.

Ein einfaches Leben … eigene Entscheidungen … eigene Freunde, die sie, dessen war sie sicher, schnell finden würde. Das hier war nun ihr Leben. Ihre Eltern würden das bald begreifen. Sie würde ihnen beweisen, dass sie sich allein durchschlagen konnte. Und sie würden ihre Pläne, sie zu einer dieser verwöhnten Society-Ehefrauen zu machen …

Katherine alias Katie schreckte zusammen, als das Telefon klingelte. Ihr Herz hämmerte wie wild, und sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, die plötzlich so trocken waren, als befände sie sich immer noch unter der Wüstensonne ihrer Heimat.

Was, wenn sie ans Telefon ging, und es war ihr Vater oder einer ihrer Brüder? Sie würden sie an der Stimme erkennen.

Aber sie wussten nicht, wo sie sich aufhielt. Oder doch?

Sie holte tief Luft und wartete. Das dritte Klingeln … das vierte … das fünfte. Beim sechsten Klingeln hielt sie es nicht länger aus. Sie war einfach zu neugierig.

„Hallo?“

„Miss Katie O’Brien, bitte“, forderte eine tiefe Stimme.

Ein warmer Schauer jagte durch ihren Körper, als sie an den gut aussehenden Manager dachte, bei dem sie sich heute Morgen vorgestellt hatte. Und bei dem Gedanken an sein attraktives Gesicht und seine dunklen Augen verspürte sie ein erregendes Prickeln.

„Am Apparat“, erwiderte sie atemlos.

„Hier spricht Ian Danforth. Ich habe vergessen, die Zeitarbeitsfirma darüber zu informieren, dass Sie auch am Wochenende telefonisch erreichbar sein müssen. Ist das ein Problem für Sie?“

„Ich … nein, ich denke nicht“, erwiderte sie, obwohl eine Siebentagewoche merkwürdig war. War das überhaupt legal?

Vielleicht gehörte Danforth zu den Chefs, die die Unerfahrenheit eines Menschen ausnutzten. Eigentlich hatte sie auch auf etwas Freizeit gehofft. Sobald sie etwas gespart hatte, wollte sie die Klubs der Stadt erkunden – die Orte, an denen sich Menschen in ihrem Alter amüsierten, wenn sie nicht arbeiteten.

„Das heißt“, fügte Katie hinzu, „die Firma hat gesagt, dass es sich um einen Job an der Lohnuntergrenze handelt, niemand hat etwas von Überstunden gesagt.“

„Keine Sorge“, sagte Danforth, „wir bezahlen unsere Angestellten mehr als fair.“

Aber war sie nicht, zumindest technisch gesehen, Angestellte der Zeitarbeitsfirma? Und nicht Angestellte des Unternehmens?

Sie entschied, nicht nachzufragen. Schließlich war dies ihr erster Job. Sie wollte keine Diskussion anfangen. Wenn sie sich in den ersten ein oder zwei Wochen geschickt anstellte, dann würde sie vielleicht eine feste Stelle bei einer noch größeren Firma finden. Das wäre noch besser, denn je anonymer sie lebte, desto schwerer war es für ihre Familie, sie aufzuspüren.

„Okay“, sagte sie. „Wenn ich wirklich am Wochenende gebraucht werde, dann stehe ich zur Verfügung.“

„Gut.“

Als er nichts mehr sagte, fragte sie: „Gibt es sonst noch etwas, Mr Danforth?“

„Ian“, sagte er. „Wenn Sie darauf bestehen, dass ich Sie Katie nenne, dann bin ich Ian für Sie.“

„Gern.“ Was bezweckte er mit dieser Bitte? Als eine Fortune hatte sie gelernt, wachsam zu sein, wenn ein mächtiger Mann den schmalen Grat zwischen Arbeit und Vergnügen überschritt.

Sie suchte keine romantische Beziehung mit einem Mann, dessen Einfluss und Vermögen dem ihrer eigenen Familie in nichts nachstand.

„Dann sehen wir uns morgen früh um acht Uhr“, sagte sie mit kühler, geschäftsmäßiger Stimme.

„Neun Uhr reicht“, erwiderte er. „Aber machen Sie sich auf einen langen Tag gefasst. Es gibt viel zu tun.“ Es klickte, und das Besetztzeichen ertönte.

Immer noch argwöhnisch, starrte Katie auf das Telefon in ihrer Hand. Sie war zwar ein Neuling in der Arbeitswelt, aber sie war oft genug im Büro ihres Vaters gewesen, um zu wissen, dass Geschäftsführer erfolgreicher Unternehmen nicht bei Zeitarbeitnehmern anriefen, um die Arbeitszeit zu besprechen. Für diese banalen Dinge hatten sie ihre Sekretärinnen.

Warum also hatte Ian Danforth angerufen?

Katie seufzte. Der Erfolg des heutigen Tages verblasste, zurück blieben Sorgen. Sie musste extrem vorsichtig sein, damit ihre Tarnung nicht aufflog. Sie wünschte sich sehnlichst, ihr eigenes Leben zu führen, weit weg von dem erdrückenden Einfluss ihrer Familie. Weit weg von ihrer Mutter, die sie unbedingt verheiraten wollte, obwohl sie erst zweiundzwanzig Jahre alt war.

Katie legte das Telefon weg und öffnete den Kühlschrank. Eier, Milch, Käse, eine Tüte mit Grünzeug. Daraus konnte sie ein leckeres Omelette mit Salat zubereiten. Sie würde zu Hause essen – um Geld zu sparen –, die Unterlagen aus dem Büro studieren, vielleicht eine Stunde fernsehen und dann früh ins Bett gehen.

Katie lächelte. Es würde nicht einfach werden. Aber es war ein Abenteuer. Ihr Abenteuer! Und sie würde das Beste daraus machen.

2. KAPITEL

„Das hier ist kein Vergnügungspark, Miss O’Brien.“

Katie stellte einen Fuß auf den Boden und hielt den Drehstuhl an. Sie war kurz vor neun ins Büro gekommen, hatte aber nicht gewusst, wo sie anfangen sollte. Das Telefon hatte nicht geklingelt, und Ian Danforth hatte sie nicht in seinem Büro angetroffen.

Doch jetzt stand ihr Chef mit finsterem Gesicht in der Tür.

Katie sprang schnell auf. Ihr war noch etwas schwindelig. „Ich hab den Stuhl nur auf seine Funktionsfähigkeit getestet“, sagte sie mit so viel Anstand wie möglich.

„Der Stuhl ist in Ordnung“, erwiderte er trocken.

„Ja, es … scheint so.“ Sie blickte auf den Stuhl und versuchte, einen besorgten Eindruck wegen irgendeines Mechanismus zu machen, der nicht zu ihrer Zufriedenheit funktioniert hatte. „Ich denke, es wird gehen.“

„Können wir jetzt anfangen zu arbeiten?“ Nicht der Anflug eines Lächelns zeigte sich auf seinem Gesicht.

„Ja.“ Sie räusperte sich. „Ich bin bereit.“

Autor

Kathryn Jensen

Kathryn Jensen lebt in Maryland. Glücklicherweise genau zwischen den zwei spannenden Städten Washington, D.C. und Baltimore. Aber der Mittelatlantik war nicht immer ihr zu Hause. Zu den vielen Ländern, in denen sie gelebt hat, zählen unter anderen Italien, Texas, Connecticut und Massachusetts. Viele Länder, die sie auch bereist hat, haben...

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