Einmal siebter Himmel und zurück

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"Ich bin froh, dass du hier bist, Gillian", murmelt die kleine Shelby beim Zubettgehen – und Alex fühlt genau wie seine Tochter: Gillian tut ihm richtig gut. Doch wie soll er sie erobern? Die leidenschaftliche Pilotin ist wie ein Schmetterling: schwer zu fangen, aber wunderschön!


  • Erscheinungstag 04.04.2024
  • ISBN / Artikelnummer 9783751529235
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Leseprobe

PROLOG

„Gillian, lieber nicht, du weißt doch, er mag keine Überraschungen.“

Gillian Quinn wechselte den Telefonhörer von einem Ohr zum anderen. Ihre Schwester merkte sich einfach alles. „Rachel, er wird mir helfen, selbst wenn ich ihn nicht vorher anrufe.“ Sie zupfte an einer Locke ihrer schulterlangen roten Haare.

„Ich weiß, er ist ein guter Freund, aber …“

„Mach dir keine Sorgen.“ Gillian schaute auf die Uhr. „Ich verspreche dir, ich rufe ihn noch an, bevor ich losfahre.“

Sie war auf dem Weg nach Hawaii, wo ein neuer Job auf sie wartete. Aber wegen einer Neuigkeit, die ihre Familie betraf, hatte sie ihre Pläne geändert. Deshalb wollte sie vorher noch nach Arizona fahren.

„Bist du sicher, dass Alex dir hilft, sie zu finden?“

Daran zweifelte Gillian nicht. Alex Hunter, Dozent für Archäologie im Norden von Arizona, war zuverlässig und grundsolide. Wann immer Gillian eine Schulter zum Anlehnen brauchte, war er für sie da. Zum Rat geben, zum Trösten bei Liebeskummer … Er war ihr bester Freund. Einer, der sie, neben ihrer Schwester und ihrem Bruder, nie im Stich lassen würde. „Ja, das bin ich.“

Gillian freute sich schon darauf, Alex wieder zu sehen. Und sie freute sich auch auf seine kleine Tochter Shelby. Damals nach seiner Scheidung war Gillian sofort zu ihm nach Colorado geflogen, um ihm beizustehen für den Fall, dass er Trost gebraucht hätte. Aber den brauchte er im Grunde nicht, seine Ehe war schon lange kaputt gewesen.

Das lag fünf Jahre zurück. Inzwischen waren Alex und seine Tochter nach Arizona gezogen. Für einen Alleinerziehenden war es sicher nicht leicht. Gillian hoffte, Alex würde bald wieder eine neue Lebensgefährtin finden.

1. KAPITEL

„Soll ich die Polizei rufen?“ Loretta Yabanski, seine Vermieterin, eilte bereits auf Alex zu, während er noch aus seinem Geländewagen stieg.

Loretta war Witwe und vermietete eine Wohnung in ihrem Haus, um ein Zusatzeinkommen zu haben. Sie war recht mollig, hatte schon etliche graue Strähnen und war sehr nett.

Als Alex’ Vater Joe an der Beifahrerseite ausstieg, wandte Loretta sich an ihn. Sie hatte ein Auge auf ihn geworfen, seitdem er vor einem Monat zu seinem Sohn gezogen war. „Joe, was soll ich tun?“

„Loretta, beruhige dich“, riet Joe mit ernster Stimme, die an seine Jahre beim Militär erinnerte. Er war immer makellos gekleidet und trug sein grauweißes Haar ganz kurz. „Was ist denn los?“

„Im Garten sitzt eine Fremde auf der Schaukel!“

„Kein normaler Mensch setzt sich auf eine Kinderschaukel!“ Joe nahm sein Handy aus der Tasche, um bei der Polizei anzurufen.

„Warte“, bremste Alex ihn.

Unwillig sah sein Vater ihn mit seinen eisblauen Augen an. Alex’ Bedächtigkeit war seine gesamte Jugend über ein Thema zwischen ihnen gewesen. Entscheide dich, Junge! Diese Worte hatte Alex oft genug gehört. Wir könnten schon vom Feind umzingelt sein!

Aber das Leben war kein militärisches Manöver. Als Kind hatte Alex nicht gewagt, etwas zu sagen, auch jetzt schwieg er lieber, um keinen Krach heraufzubeschwören. „Als Erstes sollten wir sie fragen, was sie hier will.“

„Sie ist hier einfach eingedrungen!“, empörte sich Joe.

Loretta nickte und schaute Joe bewundernd an. „Sie trägt eine komische grasgrüne Baseballmütze und Jeans mit Gänseblümchen am Saum, hat grüne Schuhbänder und …“

„Ein Hippie also“, vermutete Joe.

„Das war in den Sechzigern und Siebzigern, Joe“, warf Alex ein. Es wäre ihm nie eingefallen, „Vater“ zu sagen. „Hört sich ganz nach Gillian an. Hat sie rote Haare?“ Alex kannte nur eine Frau, die grüne Schuhbänder tragen würde.

„Ach, er kennt sie?“, fragte Loretta den älteren Mann und ging hinter Alex in Richtung Garten.

„Eine Freundin vom College“, sagte Joe nur.

„Ziemlich schräg!“, fand Loretta.

Gillian und Alex waren sehr unterschiedlich, aber nachdem sie mal zusammen eine archäologische Exkursion nach Utah gemacht hatten, war die anfängliche Antipathie wie weggeblasen. Alex hatte Gillians Engagement erlebt, ihre Disziplin, ihre Bereitschaft, hart zu arbeiten, während die Begeisterung anderer Studenten sich bei der glühenden Hitze schnell gelegt hatte. Und so sah er sie längst nicht mehr als flatterhafte junge Frau.

Die Sonne ließ ihr kupferrotes Haar aufleuchten. Und ihre langen schlanken Beine waren Alex schon immer aufgefallen.

Der gegenseitige Respekt und das Vergnügen an den beruflichen Entdeckungen hatten sie einander näher gebracht und gute Freunde werden lassen.

Schon Gillians Anblick freute Alex. Verträumt schaute sie gerade zu den Bergen hinüber.

Als ein Zweig unter seinem Fuß knackte, schaute sie über die Schulter zurück, sodass ihre roten Locken durcheinanderwirbelten. Ihre grünen Augen funkelten. „Hallo, Alex!“ Sie flog ihm entgegen in die ausgebreiteten Arme.

Erst jetzt wurde Alex bewusst, wie sehr er sie vermisst hatte.

„Schön, dich wieder zu sehen!“ Sie lachte, als er sie an sich drückte.

Als er sie im Arm hielt, hatte Alex plötzlich das Gefühl, Gillian sei nie weg gewesen. Dabei hatten sie sich acht Monate nicht gesehen. Ihm wurde ganz warm. Vermutlich, weil er seit seiner Scheidung keine Frau mehr gehabt hatte.

„Komm mit rein.“

„Wo ist Shelby?“ Gillian legte ihm den Arm um die Taille und ging mit ihm zum Hintereingang. „Ich freue mich darauf, sie wieder zu sehen!“

„Sie ist nach dem Kindergarten zu einer Freundin gegangen. Stell dir vor, in ein paar Tagen kommt sie in die Vorschule.“

„Ach, und …“ Gillian blieb stehen. „Hallo, Joe!“ Sie eilte ihm entgegen. „Schön, dich wieder zu sehen.“ Sie umarmte ihn. „Du siehst gut aus.“

Joe wand sich aus der Umarmung und schaute verlegen zu Loretta.

„Hallo, ich bin Gillian Quinn“, stellte Gillian sich der Vermieterin vor.

Loretta lächelte. „Ihretwegen hätte ich beinahe die Polizei gerufen!“

„Tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe.“ Gillian legte Alex wieder den Arm um die Taille.

„Alex, wartet eine Minute.“ Loretta eilte die Treppe hinauf.

„Wahrscheinlich holt sie etwas zu essen“, vermutete Joe.

„Loretta glaubt, Essen sei immer nützlich“, fügte Alex erklärend hinzu.

„Dann wundere ich mich nur, dass ihr beiden nicht schon wie Hefekuchen aufgegangen seid!“ Gillian pikste Alex scherzhaft in den Bauch.

Der zuckte unwillkürlich zusammen.

„Ich bin froh, dass ihr so diszipliniert seid“, fuhr Gillian fort. „Quält ihr euch noch immer mit nächtlichem Rasenmähen?“

„Tun wir.“

„Joe, bei einem Telefongespräch hat Alex mir erzählt, dass du gelegentlich mit Loretta ausgehst.“

„Stimmt.“

Alex nahm wieder den feinen Duft wahr, den er immer mit Gillian in Verbindung brachte.

„Da bin ich!“ Loretta kam mit einem Auflauf die Treppe herunter. „Ein Begrüßungsessen.“

„Danke, Loretta.“ Joe nahm ihr die Auflaufform aus der Hand. Da Joe strahlte, musste es Lasagne zu sein, sein Lieblingsgericht. „Sag mal, wollen wir heute nicht zusammen ins Kino gehen?“, schlug er vor.

„Ja, gern!“

„Gut. Ich bin gleich zurück.“ Er eilte ins Haus.

Loretta strahlte. „Gute Idee.“

Alex wunderte sich. Joe hatte vorher nichts vom Ausgehen gesagt.

Als er wieder nach unten kam, verschwand er mit Loretta. Alex und Gillian gingen ins Haus.

„Ich habe versucht, dich telefonisch zu erreichen.“ In der Küche stellte Gillian ihre schwere Umhängetasche auf den Boden. „Hoffentlich komme ich nicht ungelegen.“

Alex warf ihr einen beruhigenden Blick zu. Dann bemerkte er das Blinken des Anrufbeantworters und drückte die Taste. „Hier ist deine beste Freundin Gillian“, hörte man ihre Stimme. „Schade, dass du nicht da bist.“

„Eine kurze Nachricht, so wie du es magst“, sagte Gillian. Sie lächelte ihr unverkennbares Lächeln. „Freust du dich über meinen Besuch?“

„Das versteht sich doch von selbst!“ Alex wunderte sich, dass Gillian überhaupt eine Nachricht hinterlassen hatte, anstatt – wie sonst – einfach aufzutauchen. Nachdenklich schaute er sie an.

Gillian fand, dass Alex gut aussah. Wie immer. Groß, breite Schultern, muskulös, selbstbewusst und intelligent, mit braunem Haar, in dem er helle Strähnen hatte, und eisblauen Augen. Kein Wunder, dass ihre Kommilitonen für ihn geschwärmt hatten.

„Ich freue mich, hier zu sein.“ Sie umarmte ihn noch mal, und ihr wurde bewusst, wie sehr sie ihn vermisst hatte.

„Aber irgendwas stimmt nicht“, vermutete er.

Gillian hatte gedacht, ihre gemischte Stimmung besser überspielt zu haben. „Wie kommst du darauf?“

„Weil du vor dem Herkommen erst angerufen hast. Du wirkst irgendwie bedrückt.“

„Kann es nicht sein, dass ich dich einfach sehen wollte?“

„Bei dir ist nichts einfach.“

„Alex, du bist doch derjenige, der alles überdenkt, begründet und plant.“

„Möchtest du etwas trinken?“ Er öffnete die Kühlschranktür und hielt ihr eine Dose Mineralwasser hin.

„Ja, gern.“ Alle Küchenborde waren sorgfältig bestückt. „Sind die Dosen alphabetisch geordnet?“, neckte sie ihn.

„Na ja, man findet alles wieder. Da drüben stehen die Bohnen, hier Erbsen und Mais.“

Gillian lachte. „Siehst du, alphabetisch geordnet.“

Alex schmunzelte.

Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie seine Methodik weniger geschätzt und als pedantisch eingestuft hatte. Inzwischen sah sie das anders. Der Meinungsumschwung hatte bei den Grabungen in Utah stattgefunden. Obgleich abends alle verschwitzt, schmutzig und müde waren, hatte Alex nie geklagt. Als sie eines Tages endlich mit der Säuberung antiker indianischer Holzbögen fertig waren, sanken sie sich erleichtert in die Arme, und Gillian war überrascht, wie angenehm sie das fand. Sie hob das Gesicht und hatte plötzlich Lust, ihn zu küssen. Aber im selben Moment hatten sie sich verlegen voneinander gelöst. Von da an waren sie jedoch befreundet.

Alex war sensibel, ernst und verantwortungsbewusst. Und er war einer der intelligentesten Männer, die Gillian kannte. Gelegentlich bedauerte sie, dass aus der Freundschaft keine Liebschaft geworden war. Aber vermutlich war es so am Besten.

„Nun sag schon, wozu du mich überreden willst.“

„Wieso, habe ich das je getan?“

„Oft genug! Irgendwann hast du mich zum Beispiel dazu gebracht, gefährliche Wasserfälle runterzufahren.“

„Das war nicht schwierig. Du wolltest es ja selbst.“

Er lächelte. „Keineswegs.“

„Ach, und wieso hast du es trotzdem gemacht?“

„Weil ich dich nicht mit dem Führer allein lassen wollte.“

„Mit welchem Führer?“

„Du weißt schon, dieser braun gebrannte, muskulöse Machotyp. Der hatte dich schon die ganze Zeit angestarrt.“

„Alex, warst du etwa eifersüchtig?“, neckte sie ihn, denn sie war überzeugt, dass er nie auch nur einen erotischen Gedanken an sie verschwendet hatte.

„Also, warum brauchst du Hilfe?“, lenkte er ab.

Seitdem ihre Schwester Rachel das Tagebuch ihrer Mutter gefunden hatte, quälte Gillian der Gedanke an ein Familiengeheimnis. „Ich muss jemanden finden.“

„Und die Person lebt hier in Arizona?“

„Vermutlich in der Nähe einer Universität. Das Einzige, was ich weiß, ist ihr Name: Lenore Selton. Sie steht weder im Telefonbuch von Phoenix noch von Tucson.“

„Du meinst also, sie wohnt hier in Flagstaff?“

„Möglich.“

„Ich dachte, du trittst in diesen Tagen deinen Job in Hawaii an. Wieso hast du Zeit, dich darum zu kümmern?“

„Ich muss dort nicht sofort anfangen.“

„Und diese Frau zu finden ist wichtig für dich?“ Alex nahm Kaffeetassen vom Regal.

„Sehr wichtig.“ Gillian schaute ins Wohnzimmer, das vollgestopft war mit Möbeln.

„Ganz schön eng bei uns, wie?“ Alex war ihrem Blick gefolgt.

„Stimmt“, bestätigte Gillian. So wenig Platz zu haben war sicher nicht ganz leicht für ihn.

Alex füllte Kaffee in die Maschine. „Abgesehen von der Küche und dem Wohnzimmer gibt es noch zwei Schlafzimmer und ein winziges Zimmerchen für Shelby.“

„Ist es schwierig, dass Joe zu euch gezogen ist?“

„Na ja, wir leben wie Sardinen in der Dose.“

Als Gillian zwei Wochen zuvor mit Alex gesprochen hatte, erwähnte er, dass Joe nun in Pension wäre und gerade eine schwere Herzoperation hinter sich hätte. Seitdem wohnte er bei seinem Sohn. Für einen Mann, der beim Militär immer das Sagen gehabt hatte, war dieser Umstand sicher auch nicht gerade angenehm. „Und wie soll es weitergehen?“

„Ich bin auf der Suche nach einem Haus. Die Wohnung hier ist nur vorübergehend. Anfangs war es das größte Problem, ein Kindermädchen für Shelby zu finden.“

Seine Tochter kam immer zuerst. „Ich wollte, ich hätte dir helfen können.“

„Du warst ja in Japan. Bei diesem Luftkurierjob.“

Gillian hatte ein schlechtes Gewissen, dass sie nicht da gewesen war, als Alex sie brauchte. „Ihr habt aber das Glück gehabt, Loretta zu finden. Sie scheint nett zu sein.“

„Sie hielt dich für eine aus der Irrenanstalt Entlaufene!“

Gillian lachte. „Mir fiel auf, dass sie mein Outfit misstrauisch beäugte.“

„Das ist für Lorettas Geschmack nicht konservativ genug.“

Für den von Alex sicher auch nicht. Aber in Jeans und seinem grauen Polohemd wirkte er nicht mehr ganz so brav wie mit den zugeknöpften Oberhemden, die er früher immer trug.

Alex zupfte kurz an einer Locke von Gillian, die unter ihrer Baseballkappe hervorlugte. „Ich muss Essen machen, bevor Shelby nach Hause kommt.“

Gab es ein Problem mit der Kleinen? Alex wirkte irgendwie besorgt. Oder ging es um Joes Gesundheitszustand? „Du kannst doch die Lasagne aufwärmen.“

Alex nahm Steaks aus dem Kühlschrank. „Joe würde einen Anfall bekommen, wenn wir die ohne ihn äßen. Er liebt Lorettas Lasagne.“

„Ach, geht die Liebe bei ihm durch den Magen?“

„Wer weiß?“ Er hielt Gillian eine Tüte Tortilla-Chips hin.

„Interessiert er sich ernsthaft für sie?“

„Das würde er nie zugeben.“ Alex stellte ein Glas mit pikanter Soße auf den Tisch. „Aber es stimmt. Könntest du den Käse raspeln?“

„Na klar.“

Ein paar Minuten arbeiteten sie schweigend vor sich hin. Alex gefiel es, eine Frau neben sich zu haben. Er hatte sich schon beinahe daran gewöhnt, immer allein zu sein. Das war für Shelby und ihn sicher nicht das Beste, aber besser, als wenn seine Tochter sich zurückgesetzt fühlte. Er wollte dafür sorgen, dass sie durch keine Beziehung, die er einginge, irgendwie belastet würde.

„Und nun?“ Gillian legte die Käsereibe in die Spüle. „Soll ich den Tisch decken?“ Sie öffnete die Schranktüren. „Wo sind die Teller?“

„Da oben.“ Alex schaute aus dem Fenster auf die dunkle, matt beleuchtete Straße. Gerade wollte er Gillian auf ihr Problem ansprechen, da hörte er eine Autotür.

„Daddy, Daddy, ich bin da!“, rief Shelby von draußen.

„Wer hätte das gedacht“, stellte Alex trocken fest.

Gillian strahlte.

Ihr Lächeln war einfach atemberaubend.

2. KAPITEL

Die kleine Shelby kam hereingetobt. Sie blieb kurz stehen, dann flog sie in Gillians geöffnete Arme. „Gillian, ich habe dich so vermisst!“

Der Babyspeck war verschwunden, und Shelbys dunkles Haar war länger geworden. Gillian drückte sie zärtlich an sich. Wie schön es war, die Kleine im Arm zu halten! „Nicht so wie ich dich!“ Die Ärmchen lagen fest um ihren Hals.

Shelby war fünf Jahre alt, schlank und zierlich, hatte die schwarzen Haare ihrer Mutter und blaue Augen. In zehn Jahren würde sie umwerfend aussehen.

„Ich hab oft an dich gedacht. Bleibst du länger?“ Shelby sah ihren Vater fragend an. „Tut sie das?“

Alex lächelte. „Hol erst mal Luft, Kleines.“

Shelby kicherte. „Was gibt es zu essen?“

„Tacos.“

„Hm, die mag ich.“ Sie schaute Gillian an. „Daddy hat gesagt, er macht heut Abend welche. Magst du Tacos?“

Sie hat sich nicht verändert, dachte Gillian, während Shelby nun von einem verloren gegangenen Hamster erzählte, vom Kindergarten und von einer neuen Freundin.

Sie hielt Gillians Hand ganz fest. „Willst du den Gorilla sehen, den du mir geschickt hast? Er ist in meinem Zimmer.“

Gillian nahm Shelby auf den Arm und warf Alex einen entschuldigenden Blick zu. „Ist es dir recht, wenn ich dich einen Moment allein lasse?“

„Schon gut. Ich kümmere mich inzwischen um dein Gepäck.“

„Alex, lange bleiben kann ich nicht!“

„Natürlich kannst du das. Du schläfst in meinem Zimmer.“

„Nein, ich möchte auf keinen Fall jemanden aus seinem eigenen Bett verdrängen.“

„Das tust du auch gar nicht. Morgen kannst du Joes Zimmer haben. Er fährt für einige Tage weg. Du bist genau richtig gekommen.“

Shelby sah Gillian an. „Heute Nacht kannst du bei mir schlafen. Das geht doch, Daddy, nicht?“

„Aber dann muss Gillian das Gästebett mit all den Plüschtieren teilen.“

„Macht nichts. Bis ich siebzehn war, hatte ich auch einen ganzen Stall davon.“

„Wirklich?“, fragte Shelby. „Und? Hast du sie jetzt nicht mehr?“

„Nein. Als ich das Haus verließ, mochte ich meine Schwester nicht bitten, sie für mich aufzubewahren.“

„Daddy wird meine immer aufbewahren, nicht?“

So wie Alex lächelte, war klar, dass er das tun würde.

„Komm, Shelby, wir beide holen mein Gepäck.“

„Das mache ich“, bot Alex an.

„Nein, du bist beschäftigt“, sagte Gillian auf dem Weg nach draußen.

Gillian war wie ein Wirbelwind, der in sein Leben hinein- und wieder hinauswehte. Immer freute er sich, sie zu sehen. Auch wenn sie manchmal recht anstrengend war.

Er putzte einen Salatkopf und dachte an ihren letzten Besuch. Sie war auf dem Weg nach Alaska gewesen, um das Iditarod-Hundeschlittenrennen zu sehen. Und als sie Wochen später mal wieder anrief, war sie gerade in Japan. Danach auf einem Flug nach San Francisco, wo sie bei einer Friseurmesse als Model auftrat. Dauernd tat sie etwas Neues, war immer unterwegs, so als könnte sie etwas verpassen.

Im Flur hörte man Gelächter. Shelby zog einen Kofferkuli hinter sich her, Gillian folgte ihr mit einem Kleidersack und einer Tasche.

„Gib her“, sagte Alex.

Gillian überließ Alex den Koffer.

„Da ist Daddys Zimmer.“ Shelby wies auf eine Tür.

Es war weiß gestrichen, die Tagesdecke hübsch gemustert, die Möbel waren aus Kirschholz. Über einem antiken Sekretär hing ein Wandbord, auf dem alte Bücher, Keramiken und afrikanische Masken standen.

Gillians Blick glitt vom Buch auf dem Nachttisch zur offenen Kleiderschranktür. Dort hingen die Hemden und Hosen nach Farben geordnet. „Alex, du bist zu methodisch“, bemerkte Gillian etwas spöttisch. Dabei bewunderte sie ihn im Grunde. Sie selbst lebte immer in einem leichten Chaos.

„Und das hier ist mein Zimmer“, verkündete Shelby stolz aus dem Raum nebenan.

Es war nicht sehr groß, aber es standen zwei schmale Betten an den Wänden, mit gemusterten Tagesdecken. Alles war in Hellblau und Weiß gehalten. In der Ecke lag die riesige Plüschtiersammlung, und auf einem Bord standen Dutzende von Büchern. Puppen und Puppenkleider lagen verstreut herum.

„Gefällt es dir?“, wollte Shelby wissen.

„Ja, natürlich!“ Wie ein Prunkstück saß der kindsgroße Gorilla, den Gillian Shelby geschickt hatte, in der Mitte der Plüschtiersammlung.

Alex brachte das Gepäck. Er sagte nichts über die Unordnung. Da er selbst so ordnungsliebend war, fand Gillian, dass er ein Lob für seine elterliche Toleranz verdiente. Sie blieb noch ein paar Minuten bei Shelby. Dann sagte sie: „Ich werde jetzt deinem Dad helfen.“

Aus der Küche erklang Beethovens Fünfte. Alex liebte es, mit irgendeinem Haushaltsgerät Symphonien zu dirigieren.

„Sind noch immer alle davon überzeugt, dass du ein spießiger Professor bist, Maestro?“, fragte sie, sobald sie eintrat.

„Ja, ich glaube schon, aber sag es nicht weiter.“

Gillian wusste, dass es Alex ziemlich egal war, was andere von ihm dachten. „Meinst du, ich würde verraten, dass du Orchester dirigierst, während du kochst, und dass du unter der Dusche Arien singst?“

Er zog eine Braue hoch. „Vergiss, dass du es weißt.“

„Hier“, er hielt ihr eine Gabel hin, „du kannst das Fleisch wenden. Und dabei erzählst du mir, was dich hergeführt hat.“

„Das ist ziemlich kompliziert. Ich versuche … einen Bruder beziehungsweise eine Schwester zu finden.“

„Wie bitte? Du weißt nicht, wo Sean oder Rachel sind?“

„Doch. Aber es gibt noch jemanden.“ Gillian zögerte. „Rachel hat herausgefunden, dass unser Vater noch ein anderes Kind gezeugt hat. Aber wir wissen nicht, ob es ein Bruder oder eine Schwester ist.“

Alex war wie vor den Kopf gestoßen. Gillian und ihre Geschwister mussten schockiert gewesen sein, als sie davon erfahren hatten!

„Es ist ein ziemliches Durcheinander. Rachel wohnt jetzt in Maine, in dem Haus, in dem wir aufgewachsen sind und das nun Kane Riley gehört, ihrem Mann.“

Als Alex an Gillian vorbei griff, um einen Teller aus dem Schrank zu nehmen, war er ihr so nahe, dass sein Atem ihr Gesicht streifte. Er schaute ihr auf den Mund, als wolle er sie küssen. „Du sagtest, sie haben ein Kind?“, fragte er dennoch sachlich.

„Ja. Kanes Nichte. Es ist eine lange Geschichte. Rachel war mit seiner Schwester befreundet, und die starb bei der Geburt des Kindes. Nun sind Rachel und Kane und das Baby eine Familie.“

Alex schnitt eine Zellophanverpackung mit Muscheln auf. Vor einer Minute war er Gillian so nahe gewesen, dass er die goldenen Punkte in ihren Augen hatte sehen können. „Setz dich.“ Er stellte den Herd aus.

„Es ist alles ziemlich verworren. Selbst für uns. Nachdem wir damals wegzogen, kaufte Charlie Greer, ein Fischer, das Haus. Er hat sich nie auf dem Dachboden umgesehen. Und Kane, der es von Charlie erbte, auch nicht.“ Sie hielt inne. „Aber meine Schwester schaute sich dort um und fand in einer Truhe ein Tagebuch unserer Mutter.“

Alex setzte sich auf einen Stuhl.

„Daraus erfuhr Rachel, dass unser Vater eine Affäre mit einer Frau namens Lenore Selton hatte, die schwanger von ihm wurde.“ Gillian hatte das scheinbar beiläufig gesagt, war aber bestimmt zutiefst davon betroffen.

„Es war ein Schock für uns alle! Laut Tagebuch hatte er die Beziehung, als unsere Mutter krank war. Sie hatte nach einer Fehlgeburt einen Nervenzusammenbruch und war fast ein Jahr lang in einer Klinik. Es muss für beide eine schlimme Zeit gewesen sein.“

„Erinnerst du dich daran?“

„Nein.“ Gillian starrte auf die bunten Küchengardinen. „Ich war noch gar nicht geboren. Rachel weiß allerdings noch, dass Mom sehr krank war. Sie half unserem Vater, sich um Sean zu kümmern, der erst fünf Jahre alt war. Aber es geht noch weiter. Rachel fand in unserem Elternhaus Adoptionspapiere.“

„Hm? Wer wurde denn adoptiert?“

Gillian wirkte einen Moment lang sehr angespannt. „Wir dachten alle, ich sei es gewesen.“ Die Falte zwischen ihren Augenbrauen vertiefte sich. Diese Vermutung musste schlimm für sie gewesen sein.

„Im Tagebuch meiner Mutter stand, dass sie planten, Lenores Kind zu adoptieren. Deshalb dachten wir, ich könnte dieses Kind sein.“

Alex nickte. „Aber du glaubst es nicht.“

„Nein. Denn Rachel las im Tagebuch, dass Lenore ihre Meinung geändert habe. Es war also offenbar niemand von uns.“ Gillian knabberte nervös an einem Chip.

„Und das ist die Person, die ihr nun finden wollt.“

„Ja. Wir wissen, dass Lenore Maine verließ und zu ihrer Schwester Edith Selton nach Arizona zog. Edith zu finden ist einer der Gründe für meinen Besuch. Sie war Dozentin, so wie unser Vater und Lenore, und lehrte an einer Universität in Arizona.“

„Habt ihr …“

„Ich habe bei vielen nachgefragt, bin aber bisher nicht fündig geworden.“ Gillian ging zum Fenster. „Ich möchte Lenore finden, die Frau, die offenbar mit unserem Vater liiert war. Und das Kind, das sie hatte.“

Alex trat hinter Gillian. „Guck mich mal an“, bat er. Gillian drehte sich langsam um. In ihrem Blick lagen Zweifel. „Du glaubst nicht, dass die beiden eine Affäre hatten, stimmt’s?“

Autor

Jennifer Mikels
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