Ein sinnlicher Traum

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Laue Nächte, Palmen und ein Mann, in dessen Armen Jill vor Leidenschaft erglüht - was so perfekt erscheint, ist doch nicht mehr als ein sinnlicher Traum. Denn nicht Liebe hat Jill und Colin zusammengeführt, sondern ein Geschäft - mit klaren Regeln und ungewissem Ausgang ...


  • Erscheinungstag 08.08.2022
  • Bandnummer 07
  • ISBN / Artikelnummer 9783751515009
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Jill Baron hielt abrupt inne. Ihr Garten drehte sich. Sie holte tief Luft und wartete einen Moment. Sie wusste und hoffte, dass sich jetzt einstellen würde, was ihr die Vernunft sagte. Der Grund und Boden, den sie hier in North Dallas seit zehn Jahren besaß, hatte sich nicht ein einziges Mal bewegt, geschweige denn gedreht.

Kein einziger Hektar Boden in ganz Texas hatte sich jemals bewegt. Sandstürme vermochten riesige Mengen des trockenen Bodens aufzuwirbeln. Tornados konnten ganze Häuser, Bäume und Autos mitreißen. Aber der Boden regte sich nicht. Mit dem Gedanken tröstete sie sich, und schon kam ihr Garten zum Stillstand.

Ja, es war alles in bester Ordnung.

„Kann ich irgendetwas für dich tun, ehe ich gehe?“

Jill zuckte zusammen. Sie hatte geglaubt, sie sei allein. Sie wandte sich um und rang sich ein Lächeln für ihre Assistentin ab. „Nein, Molly.“

„Ganz bestimmt nicht? Du siehst blass aus.“

„Abends sieht jeder blass aus.“ Sie schätzte Molly sehr für ihren Fleiß und ihre Organisationsfähigkeit. Doch zwischendurch zeigte ihre Assistentin die bedauernswerte Neigung, sie zu bemuttern. Jill hatte ihre Mutter verloren, als sie drei war. Jetzt brauchte sie ganz gewiss keine Ersatzmutter mehr.

„Du bist doch sonst nicht so blass, Jill. Hör mal, ich kann eben nach oben gehen und dir deine Medizin holen.“

„Nein.“ Jill schloss die Augen. „Entschuldige, ich wollte nicht so schroff sein, aber du weißt, wie ich darüber denke. Es geht mir gut, und du hast heute hart gearbeitet. Die Party ist wunderbar verlaufen. Danke, dass du geholfen hast. Fahr jetzt nach Hause und schlaf gut.“

„Wenn du sicher bist.“ Molly schaute sie besorgt an.

„Bin ich.“

„Dann bis morgen.“

„Gute Nacht.“ Jill nippte an der Champagnerflasche, die sie in der Hand hielt, und blickte in den Pool. Blaue Filter vor den Lampen hatten das Schwimmbecken in eine herrliche hellblaue Oase verwandelt. Lotusblumenförmige Kerzen schwammen auf der Oberfläche.

Sie schaute genauer hin. Die Flammen waren viel zu hell. Sie goss etwas Champagner über eine der Kerzen, sodass die Flamme erlosch, und setzte ihren Weg entlang des Pools fort, wobei sie eine Kerze nach der anderen mit Champagner auslöschte. Dann nahm sie wieder einen kleinen Schluck aus der Flasche.

Sie war noch nicht bereit, ins Haus zu gehen. Der Letzte ihrer Gäste hatte sich verabschiedet, die Band und der Partyservice waren gegangen. Jill liebte es, nach einer Party noch einmal über ihr Anwesen zu spazieren und den Abend Revue passieren zu lassen. Es gefiel ihr, wenn Ruhe und Stille eintraten. Aber mehr noch als das liebte sie das Gefühl, eine erfolgreiche Party gegeben zu haben.

Der Pool geriet ins Wanken. Der Boden unter ihr bewegte sich. Sie musterte ihre nackten Füße, die unter dem Saum ihres beigefarbenen Abendkleides hervorlugten. Der Boden bewegte sich nicht. Sie auch nicht.

Verdammt! Vielleicht hatte sie mehr Champagner getrunken, als sie gedacht hatte. Doch nein, das konnte nicht sein. Sie war noch nie in ihrem Leben betrunken gewesen. Außerdem verzichtete sie meistens auf ihren eigenen Partys ganz auf Alkohol. Sie konnte es nicht ertragen, über irgendetwas die Kontrolle zu verlieren, und am wenigsten über ihre geistigen Fähigkeiten. Sie wartete, und ihre Geduld wurde dadurch belohnt, dass der Boden sich wieder so fest und sicher anfühlte, wie er es sollte.

Sie zuckte mit den Achseln und trank einen weiteren Schluck Champagner. Die Party war ein echter Erfolg gewesen. Sie hatte Holland Mathis so weit gebracht, dass er demnächst seine Unterschrift unter den Verkaufsvertrag von drei Häusern setzen würde, die im südlichen Teil von Dallas lagen. Sie hatte es sogar geschafft, Tyler Forster für die Umgestaltung der Häuser in Eigentumswohnungen zu gewinnen. Alles in allem entwickelten sich die Tage ganz wie geplant.

Ihr Geschäft lief gut. Sie konnte mit dem, was sie erreicht hatte, mehr als zufrieden sein. Und das war sie auch.

Außer …

Den beleuchteten Pool umgab eine eigenartige Aura, es sah fast so aus, als schwebe das blaue Licht wie eine schimmernde, transparente Wolke darüber. Himmel, was fantasierte sie sich da zusammen! Eine schimmernde, transparente Wolke – das ergab keinen Sinn.

Ich muss meine Vernunft walten lassen, sagte Jill sich und weigerte sich, ihren seltsamen Wahrnehmungen Glauben zu schenken. Das durfte sie nicht tun. Sie kehrte dem Pool den Rücken und schlenderte über den Rasen, dessen Rand rote Geranien und weiße Lilien säumten. Der Rasen fühlte sich unter ihren nackten Füßen weich und kühl an. Ja, das tat gut.

Sie nippte am Champagner und kehrte in Gedanken zu ihrer Party zurück. Trotz allem, was sie erreicht hatte, fehlte ihr etwas. Aber was konnte das sein?

Nachdenklich hielt sie inne. Natürlich. Des!

Bis heute war es ihr trotz aller Mühen nicht gelungen, ihren Stiefcousin zur Heirat zu bewegen.

„Was ist denn? Hast du kein Glas gefunden?“

Erschrocken wirbelte Jill herum und verlor fast das Gleichgewicht. „Colin.“

Colin Wynne lächelte und griff nach der Champagnerflasche. „Wenn du schon aus der Flasche trinkst, dann solltest du das so machen.“ Er legte den Kopf in den Nacken und leerte die Flasche in wenigen Sekunden.

„Ich brauche keine Belehrungen, wie ich Champagner trinken soll.“ Sie entriss ihm die Flasche.

„Nein, deshalb ist es ja so interessant, dich aus der Flasche trinken zu sehen. So etwas habe ich bei dir noch nicht erlebt. Aber wenn ich darüber nachdenke, barfuß gehst du sonst auch nicht. Hellrosa lackierte Fußnägel – die Farbe hat keine besondere Aussagekraft, Jill.“

Er sprach ungewöhnlich laut und bestimmt, fand sie. „Ich wollte auch keine Aussage machen.“

„Dann ist es ja gut.“ Er hob die Schultern, als wollte er andeuten, er sei nicht verantwortlich für ihren schlechten Geschmack. Er nörgelte stets gern an ihr herum, bis sie aus der Haut fuhr.

„Es gibt eine Menge Dinge, die du mich bisher nicht hast tun sehen. Aber das heißt doch nicht, dass irgendetwas davon interessant ist oder dass du jemals erleben wirst, wie ich es mache.“

„Ach, da irrst du dich.“

„Wieso das denn?“ Jill fuhr sich mit der Hand über die rechte Schläfe. Colin verwirrte sie. Warum musste von ihren Bekannten ausgerechnet er zurückkehren? Sie bewegten sich in den gleichen gesellschaftlichen Kreisen, trafen sich auf Wohltätigkeitsveranstaltungen. In letzter Zeit kam es ihr so vor, als ob jedes Mal, wenn sie sich umdrehte, plötzlich Colin da war. Heute Abend hatte sie sich das jedoch selbst zuzuschreiben, da sie ihn mit auf die Gästeliste gesetzt hatte.

„Alles, was du machst, interessiert mich, Jill. Wo sind deine Schuhe?“

Sie verstand nicht, worauf er hinauswollte. Aber jetzt, da er es erwähnte, überlegte sie, wo ihre Schuhe sein mochten. „Was machst du hier? Ich dachte, ich hätte dich weggehen sehen.“ Im selben Moment erinnerte sie sich, dass Colin eine attraktive junge Frau zur Vorderseite des Hauses begleitet hatte. Ihr fiel auch ein, dass die junge Frau rotes Haar gehabt und ein orangefarbenes Kleid getragen hatte. „Du bist mit Corine weggegangen.“

„Ich habe sie nach Hause gebracht. Sie wohnt drei Blocks weiter, wie du weißt. Dann bin ich zurückgekommen und habe gewartet, bis alle Gäste gegangen waren.“

Jill runzelte die Stirn. „Warum, um Himmels willen?“

„Warum ich Corine nach Hause gebracht habe? Weil die Leute, mit denen sie gekommen war, noch nicht gehen wollten.“

„Ich wollte wissen, warum du hierher zurückgekommen bist.“

„Um nach dir zu sehen.“

„Nach mir … ?“ In ihrer Verblüffung schaffte sie es kaum, sich aufrecht zu halten, als der Boden unter ihren Füßen erneut ins Wanken geriet. Sie schloss ihre Augen und wünschte sich, der Boden würde sich nicht bewegen. Das konnte einfach nicht passieren. Sie durfte es nicht zulassen, besonders nicht in Colins Gegenwart. Sobald der Boden ruhte, öffnete sie die Augen und bemerkte in seinem Blick eine Fürsorglichkeit, die sie restlos aus der Fassung brachte.

Aber andererseits brachte Colin sie immer in irgendeiner Weise aus der Fassung. Mit seiner Sonnenbräune und dem goldbraunen Haar, das stets zerzaust wirkte, sah er aufreizend gut aus und strahlte Optimismus aus. Jedes Mal, wenn sie ihn anschaute, hätte sie am liebsten genüsslich die Finger durch sein Haar gleiten lassen.

Außerdem hatte er ein Grübchen auf der linken Wange. Es erschien schon bei einem schwachen Lächeln und faszinierte selbst nüchterne, erfahrene Frauen manchmal so sehr, dass sie darüber vergaßen, was sie hatten sagen wollen.

Seine Augen waren braun, mit einem warmen goldenen Schimmer. Ein Blick von ihm, und die Frauen wurden schwach und taten, was er wollte. Das allein war abscheulich.

Aber das Schlimmste war, wie er sie, Jill, behandelte. Niemand machte sich über sie lustig. Niemand außer Colin. Wie oft hatte sie mitten auf einer Party oder einer Konferenz beobachtet, wie er sie mit amüsiertem Blick musterte, als ob er einen Witz kannte, den sie noch nicht gehört hatte. In manchen Situationen beschlich sie sogar das merkwürdige Gefühl, dass er genau wusste, was sie dachte.

Aber jetzt war sein Blick vollkommen ernst. Sie versuchte sich zu erinnern, was sie hatte sagen wollen, es fiel ihr jedoch nicht ein. „Was hast du gerade gesagt?“

„Dass ich zurückgekommen bin, um mich um dich zu kümmern.“

„Ja, natürlich. Ich wusste es doch.“ Sie holte tief Luft. „Aber warum meinst du, dass du dich um mich kümmern musst?“ Erneut berührte sie ihre Schläfe.

„Weil ich zum Schluss den Eindruck hatte, dass irgendetwas mit dir nicht stimmt. Ich bin zurückgekommen, weil ich dich fragen wollte, ob ich dir helfen kann.“

Die Champagnerflasche glitt ihr aus der Hand, und sie wagte nicht, sich danach zu bücken, aus Furcht, der Boden unter ihren Füßen könne sich erneut bewegen. Sie fühlte sich wie beschwipst. Natürlich wusste sie, dass das nicht der Fall war. Vielleicht war ihr Blutzuckerspiegel einfach etwas niedrig. Sie hätte etwas mehr essen sollen. „Die Mühe hättest du dir sparen können, Colin. Es ist alles in Ordnung.“

„Wirklich?“

„Ja.“

Als sie Colin vor ein paar Jahren auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung begegnet war, hatte er deutliches Interesse an ihr gezeigt, aber als sie das Interesse nicht gleich erwidert hatte, hatte er sich sofort von ihr zurückgezogen. Seither sah sie ihn immer nur in irgendwelchen Gruppen. Sie hatten eine Reihe gemeinsamer Freunde und Geschäftspartner, und in diesen Kreisen bewegten sich Leute, die ihnen ähnlich waren – dynamische, ehrgeizige Männer und Frauen in ihrem Alter.

Jill wusste, dass er sie nicht aus den Augen ließ, auch wenn sie nicht verstehen konnte, warum. Er konnte manchmal sehr lustig, charmant und unterhaltsam sein. Aber die meiste Zeit war sie verärgert über ihn.

Sie hatte keine Ahnung, wie er darauf kam, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Sie hatte selbst nichts davon gemerkt. Sie wusste auch nicht, was sie überhaupt mit ihm anfangen sollte, jetzt wo er hier war. Sie runzelte die Stirn. Nein, stimmt nicht. Das wusste sie schon. Sie musste ihn so schnell wie möglich loswerden.

„Hör mal, Colin, es war nett von dir, noch mal nach mir zu sehen, aber es war nicht notwendig. Ehrlich gesagt, ich wollte gerade …“ Sie schaute zum Haus hinüber, doch ihr fiel das Wort nicht ein, deshalb deutete sie nur auf den Eingang. Oh nein! Sie stöhnte innerlich. Ihr fehlten schon die Worte, ein wirklich schlechtes Zeichen.

Behutsam setzte sie einen Fuß vor den anderen und steuerte aufs Haus zu. Colin ging neben ihr, und ehe sie wusste, wie ihr geschah, hatte er seine Hand unter ihren Ellenbogen geschoben, damit sie nicht wankte. Doch seine Hilfe war das Letzte, was sie sich wünschte. Und schon gar nicht wollte sie, dass er merkte, was ihr tatsächlich fehlte.

Vor ihr teilte sich der Pfad. Links ging es zum Haus, das jetzt nicht mehr so weit entfernt war. Sie war überzeugt, dass sie es problemlos bis dahin schaffen würde. Rechts führte der Pfad seitlich ums Haus herum nach vorn, wo Colin zweifellos seinen Wagen stehen hatte. Also würde er wohl die Richtung wählen.

„Du gehst rein? Um zu arbeiten?“

Sie wollte ihm schon sagen, es könne ihm doch egal sein, was sie vorhätte. Aber wenn sie das tat, würde er nur wieder eine spitze Bemerkungen machen, auf die sie etwas erwidern musste. Danach war ihr jetzt jedoch nicht zu Mute. „Es war ein langer Tag. Ich werde ins Bett gehen.“

„Schade.“

Verwundert wandte sie sich um. „Wie bitte?“

„Es ist schade, dass eine so schöne Frau wie du allein ins Bett geht.“

Sie stolperte. Sein Griff um ihren Ellenbogen verstärkte sich. Schrecklich, dieser Mann. Er sagte nie, was sie erwartete. Auch wollte sie seine Hand nicht an ihrem Ellenbogen spüren.

„Es sei denn, du hast Des oben in deinem Schlafzimmer versteckt, ohne dass ich etwas davon weiß.“

Diese Bemerkung war typisch für Colin. Er war stets drauf aus, sie mit seinen Sticheleien zu verletzen. Erbost riss sie sich von ihm los und warf ihm einen finsteren Blick zu. „Du … du kennst Des doch gar nicht.“

„Da irrst du dich. Ich kenne ihn ziemlich gut. Er ist eng mit mir befreundet. Ich weiß auch, dass er überhaupt nicht zu dir passt.“

„Du …“ Sie vermochte nichts darauf zu erwidern. Außerdem fiel ihr auf, dass sie nicht mehr Colins ganzes Gesicht sehen konnte. Zu einem Teil war es einfach verschwunden. Ihr Gesichtsfeld war eingeschränkt.

Sie konnte nicht länger leugnen, dass sie in Schwierigkeiten steckte, und in den nächsten Minuten würde es nur schlimmer werden.

„Geh nach Hause, Colin. Gute Nacht.“ Sie hastete vorwärts und versuchte von ihm wegzukommen, aber ihre Beine wollten ihr nicht recht gehorchen. Sie verschätzte sich bei der Höhe der Treppenstufen zur Terrasse und wäre hingefallen, hätte er sie nicht aufgefangen.

„Mit dir stimmt etwas nicht“, erklärte er grimmig. Seine laute Stimme schmerzte ihr in den Ohren. „Was hast du?“

Sie knirschte heftig mit den Zähnen. Sie wollte nur eins: In ihr Schlafzimmer gehen und sich hinlegen. „Lass mich in Ruhe, ich …“

Colin hob Jill auf die Arme. Sie konnte nicht mehr protestieren. Ein stechender Schmerz durchzog die eine Seite ihres Kopfes. Sie schloss die Augen und versuchte, sich zu entspannen. Aber Colin lief zu schnell. Die Bewegung war zu heftig. Übelkeit breitete sich in ihrem Magen aus. Als sie merkte, wie er über die Schwelle trat, schaffte sie es, die Augen ein wenig aufzumachen.

„Lass mich runter“, flüsterte sie.

Er reagierte mit einer Frage. „Ist dein Schlafzimmer oben oder unten?“

„Bitte …“

„Macht nichts.“ Auf gut Glück trug er sie die Treppe hinauf und nahm dabei gleich zwei Stufen auf einmal.

Jill stöhnte. „Bitte … geh langsamer.“

„Was zum Donnerwetter ist nur los mit dir?“, murmelte er, aber er tat, was sie verlangte. „Ich rufe 911, sobald ich dich im Bett habe.“

„Nein. Die Medizin … in der Schublade.“

„Du hast Medikamente in der Schublade?“

Sie wimmerte. „Ja. Schrei nicht so.“

„Schatz, du hast mich noch nie so leise reden hören wie jetzt. Du hast mich auch noch nie so besorgt gesehen wie in diesem Augenblick.“

Colin machte sich Sorgen um sie. Das wollte sie nicht, aber sie vermochte keinen klaren Gedanken zu fassen, um etwas zu erwidern, damit er endlich ging.

Obwohl sie die Augen weiterhin geschlossen hielt, nahm sie wahr, dass er sie in ihr Schlafzimmer brachte. Dort legte er sie so sacht, wie sie es ihm kaum zugetraut hätte, aufs Bett und klopfte ihr Kissen auf. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schaltete er ihre Nachttischlampe ein und zog die Schublade des Schränkchens auf. Er fluchte heftig.

Sie wusste, was er gesehen hatte, aber sie hatte sich nicht mehr in der Gewalt. Tränen brannten ihr in den Augen. Das Licht schmerzte bis in den Schädel. Blindlings griff sie nach dem Kissen und zog es sich über die Augen.

Sie hörte ihn ins Bad gehen. Wasser rauschte, und einen Augenblick später gab die Matratze unter seinem Gewicht nach, als er sich neben Jill setzte.

„Jill, mein Schatz, kannst du deine Augen öffnen? Du musst mich kurz ansehen.“

Es war das Letzte, was sie wollte. Das Licht war unerträglich für sie. Sie zog das Kissen beiseite und öffnete langsam die Augen. In jeder Hand hielt Colin sechs Arzneimittelflaschen.

„Welche davon brauchst du?“

Sie deutete auf eine davon.

„Wie viele Tabletten?“

Sie hob einen Finger.

Er fasste unter ihren Kopf und schob seinen Arm unter ihre Schultern, um sie zu stützen. Sie schluckte die Tablette mit etwas Wasser hinunter.

Dann sank sie in die Kissen zurück und machte die Augen sofort wieder zu. „Das Licht …“ Die Lampe verlosch, ehe sie den Satz beendet hatte. Das einzige andere Licht kam von einer schwachen Lampe aus dem Badezimmer. Meistens ließ sie es die ganze Zeit brennen, und das war gut so, denn sobald er gegangen war, würde sie das Licht zur Orientierung brauchen. „Danke, du kannst jetzt gehen. Ich fühle mich besser.“ Wenn der Schmerz nicht bald nachließ, würde sie etwas anderes ausprobieren müssen.

„Ich bin froh, dass du dich besser fühlst, aber ich sollte doch deinen Arzt rufen.“

Trotz der Schmerzen tat ihr der tiefe, sonore Klang seiner Stimme richtig gut, und sie wusste seine Besorgnis zu schätzen. „Nein.“

„Jill, ich bin nicht blind. Du hast starke Schmerzen. Dein Arzt sollte verständigt werden.“

„Er weiß es.“

Sie hörte, wie er schwer ausatmete. „Na gut, wenn ich sehe, dass du dich in den nächsten dreißig Minuten besser fühlst, werde ich ihn nicht anrufen. Aber ich bleibe hier.“

„Nein.“ In seiner Gegenwart würde sie sich nie entspannen können.

„Pst, versuch nicht, mit mir zu diskutieren. Das ist viel zu anstrengend für dich.“

In der Hinsicht hatte er recht. Denn obwohl ihr jede Bewegung schwerfiel, schaffte sie es, den Kopf leicht zur Seite zu drehen und die Haarnadeln aus ihrer Steckfrisur zu ziehen. Dabei überkam Jill leichte Übelkeit, und sofort hielt sie inne.

Colin schob ihre Hand sacht beiseite und half ihr. Nachdem er alle Nadeln aus ihrem Haar gezogen hatte, kämmte er es leicht mit seinen Fingern, bis es locker war und ihre Kopfhaut sich nicht mehr spannte. Dann nahm er seine Hand in ihre und streichelte ihren Arm. Jill hätte es nicht für möglich gehalten, aber überraschenderweise wirkte seine Berührung beruhigend. Im Allgemeinen mochte sie nicht angefasst werden.

Sie versuchte abzuschätzen, was es zur Folge haben würde, dass Colin sie so verletzlich gesehen hatte, aber bei dem starken Schmerz vermochte sie keinen klaren Gedanken zu fassen. Deshalb blieb sie reglos liegen und hoffte, dass die Tablette bald wirken würde.

„Was ist mit deinem Kleid?“, hörte sie ihn fragen. „Würdest du dich in etwas anderem wohler fühlen?“

Ja, das würde sie, aber sie hatte nicht die Kraft, sich umzuziehen. „Jetzt nicht.“

„Lass mich wissen, wenn du glaubst, dass du dich ohne große Schmerzen bewegen kannst.“

Sie versuchte, an nichts zu denken, aber sie spürte den Schmerz zu sehr, nahm den Mann, der ihren Arm streichelte, zu deutlich wahr.

Colin beobachtete Jill aufmerksam und machte sich Gedanken, was er für sie tun könnte. Die Namen von einigen ihrer Medikamente waren ihm bekannt. Es handelte sich um spezielle Mittel gegen Migräne. Mehrere Leute, die er kannte, hatten diese Krankheit. Wie lange mochte Jill schon daran leiden?

Nach dem, was er bislang über Migräne gehört hatte, gehörte sie als Perfektionistin zum gefährdeten Personenkreis. Der heute Abend war ein gutes Beispiel für ihre Einstellung. Sie hatte die Party nicht genossen, das Ganze war harte Arbeit für sie gewesen. Colin wusste nur zu gut, dass die Einladung, die er erhalten hatte, dazu diente, zahlenmäßig so viele Gäste zusammenzubekommen, wie sie brauchte. In Wirklichkeit waren nur zwei oder drei Leute da gewesen, mit denen sie hatte reden wollen. Allerdings verstand sie es sehr gut, ihre wahre Absicht zu verbergen.

Sein Blick glitt über ihren Körper. Für die Party hatte sie ein hochgeschlossenes, enges Seidenkleid ohne Ärmel gewählt, das ihre Kurven betonte. Es war ein geschmackvolles Kleid, doch bei ihr wirkte es ausgesprochen aufreizend und musste einem Mann den Verstand rauben. Jedenfalls erging es ihm so. Doch ihm war klar, dass er Jill das nicht zeigen konnte, wenn er ihr näher kommen wollte. Deshalb hielt er sich zurück und beobachtete sie nur.

Von ihrer ersten Begegnung an hatte sie ihn auf eine besondere Art angezogen. Sie war eine atemberaubend schöne Frau mit ihrem glänzenden dunklen Haar und den hübschen bernsteinfarbenen Augen. Sie hatten beide eine Gala besucht, die in einem Ballsaal mit prächtigem Stuck, vergoldeten Kronleuchtern und zahllosen großen Spiegeln in vergoldeten Rahmen stattfand. Im Licht der Kerzen hatten die Juwelen der Frauen gefunkelt, und die Seidenkleider hatten geschimmert. Doch er hatte nur Augen für Jill gehabt. Sie hatte keinen Schmuck getragen, aber das hautenge, trägerlose rote Samtkleid hatte ihr ausgezeichnet gestanden, und er konnte sich noch genau an den warmen Pfirsichton ihrer Haut erinnern.

Sie hatte ihn von vornherein in einer Art und Weise abgewiesen, die ihr zur zweiten Natur geworden zu sein schien. Ihn hatte das amüsiert, und er hatte sich herausgefordert gefühlt. Zuerst war es eine einfache Anziehungskraft gewesen, ein brennendes, primitives Verlangen, sie einfach zu packen, an den nächstbesten Ort zu bringen, wo sie allein sein konnten, und sie zu lieben, bis sie beide zu erschöpft waren, noch etwas anderes zu tun, als zu schlafen.

Er hatte sie den Rest des Abends beobachtet, und während er das getan hatte, hatte es einen Augenblick gegeben, in dem sie sich von einem ihrer Gesprächspartner abgewandt hatte. Da war ihm etwas bei ihr aufgefallen, das ihn sehr berührt hatte. Sie besaß mehr Tiefe, als sie nach außen hin zeigte. Dennoch war das, was er bei ihr wahrnahm, zunächst nicht greifbar für ihn. Erst nach mehreren Begegnungen hatte er endlich herausgefunden, was sie beide verband: Verlust und Sehnsucht.

Intuitiv hatte er erkannt, dass Verluste seelische Narben bei ihr hinterlassen hatten, die nie ganz verheilt waren. Dass es Kränkungen gegeben hatte, an die sie sich erinnerte, als hätte man sie ihr erst gestern zugefügt. Er hatte das bei ihr gespürt, weil es ihm ähnlich erging. Vielleicht waren seine Wunden nicht so tief und schmerzhaft wie ihre, aber er wusste, was Verlust und Sehnsucht bedeutete. Ihre Erfahrungen mochten unterschiedlich sein, doch der Schmerz war der Gleiche.

Durch diese Erkenntnis wurde ihm auch klar, dass es lohnenswert sein würde, geduldig darauf zu warten, bis sie in ihm den Mann fürs Leben sehen würde. Dieser Gedanke bestärkte ihn in seinem Entschluss, sie zu erobern, denn er spürte deutlich, dass sie sich durch ihre Erfahrungen gegenseitig helfen konnten.

Er hatte nicht lange gebraucht, um zu erkennen, dass sie nur an einem einzigen Mann interessiert war – Des Baron. Und nachdem er herausgefunden hatte, wieso sie sich unbedingt ihren Stiefcousin angeln wollte, war ihm klar geworden, dass sie und Des nicht zusammenpassten. Diese Überzeugung entstammte dem Wissen, dass er der einzige Mann war, mit dem sie je zusammenkommen sollte, und dass es ihm gelingen würde, sie früher oder später für sich zu gewinnen. Was er nicht geahnt hatte, war, wie lange es dauern würde. Zum Glück besaß er viel Geduld.

Er hatte sie aufmerksam beobachtet, ihre Stimmungen erkundet, herausgefunden, was sie glücklich und was sie traurig machte. Das war nicht ganz einfach gewesen. Jill hatte eine schützende Mauer um ihre Seele errichtet, um sich vor weiteren Verletzungen zu bewahren. Erst vor Kurzem hatte er Risse in dem Mauerwerk entdeckt – zugegeben, es waren nur recht kleine, aber bei jemandem wie Jill war schon der winzigste Riss außergewöhnlich.

Vielleicht war ihre Migräne die Ursache für die Risse. Oder aber die Tatsache, dass es keine Herausforderungen mehr für sie gab, weder im Job noch privat. Deshalb konnte er auch gut vorhersehen, was als Nächstes passieren würde. Es war das, worauf er gewartet hatte.

Heute Abend auf der Party war ihm der eigenartige Ausdruck ihrer Augen aufgefallen. Es kam ihm so vor, als ob sie etwas quälte. Jemand, der sie nicht näher kannte, hätte das vielleicht nicht bemerkt. Aber ihm war es aufgefallen, und das war der Grund, warum er zurückgekommen war.

„Wie geht es dir?“, fragte er leise. „Meinst du, du kannst dich umziehen?“

Sie erschauerte heftig. „Mir ist kalt.“

Colin sprang auf und öffnete die Tür ihres begehbaren Kleiderschranks. Er schob die zahlreichen Kostüme, Kleider, Blusen und Röcke beiseite und griff zielgerichtet nach einem weichen Nachthemd mit langen Ärmeln und passendem Morgenmantel. Schon beim Anfassen war ihm klar, dass es das einzig richtige Teil für sie war. Jemand, der Schmerzen hatte, sollte sich wenigstens weich und warm eingepackt fühlen.

Als er wieder ans Bett trat, sah er, dass sie die Augen geöffnet hatte. Er warf den passenden Morgenmantel ans Fußende des Bettes. „Ist das in Ordnung?“ Er hielt das Nachthemd hoch.

Sie nickte fast unmerklich, dann schloss sie wieder die Augen. „Ich schaffe es.“

In jeder anderen Situation hätte sie sich selbstverständlich nicht widerspruchslos von ihm beim Umziehen helfen lassen, aber heute Abend war ihr Wille, über alles die Kontrolle zu behalten, ziemlich geschwächt. Ohne Hilfe würde sie sich nicht umziehen können.

Colin musste sie ablenken. Ihm fiel auch gleich die passende Erwiderung ein. „Ich weiß, dass du das schaffst, aber da ich schon mal hier bin, kann ich mich ja auch nützlich machen.“

Behutsam half er ihr, sich aufzusetzen. Er sprach so leise mit ihr, dass er nicht mal wusste, ob sie ihn gehört hatte. Aber es gab eine Bemerkung, die würde sie von den Toten aufwecken. „Außerdem muss ich dir etwas gestehen, was dich sicher freuen wird. Ich habe mich geirrt, und du wirst mir sicher zustimmen, dass mir das selten passiert.“ Sie schnaubte verächtlich. Er lächelte. Ja, sie konnte ihn hören. Umso besser. „Also ich muss meine Bemerkung von vorhin zurücknehmen. Du hast Des nicht hier oben eingesperrt.“

„Des war überhaupt nicht da.“

„Er kommt nie zu deinen Partys, nicht wahr?“

„Doch, manchmal kommt er.“

„Jeder wird denken, er mag dich nicht.“ Rasch öffnete Colin den Reißverschluss am Rücken ihres Kleides.

„Er mag …“

Das Oberteil ihres Kleides rutschte ihr bis zur Taille hinunter. Colin hielt inne, und sein Mund war wie ausgetrocknet, als er den hautfarbenen dünnen Spitzen-BH sah, den Jill trug. Er zog sie zu sich heran, sodass er um sie herumgreifen und den Verschluss ihres BHs öffnen konnte. Parfümduft wehte ihm entgegen, als der trägerlose BH herunterglitt und den Blick auf die aufgerichteten rosigen Knospen freigab. Colin spürte, wie Erregung ihn erfasste.

Er warf den BH auf einen Stuhl und zwang sich, gelassen weiterzureden. „Ich schätze, du bist zu dem Ergebnis gekommen, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um ihn mit sämtlichen Mitteln zu umgarnen, nicht wahr?“ Er zog ihr das ärmellose Nachthemd über den Kopf. „Heb die Arme an.“

„Nein.“ An ihrem verlorenen Blick erkannte er, dass sie ihn nicht ganz verstand, aber sie versuchte, sich darauf zu konzentrieren. „Des mag mich.“

„Ja, sicher … als Familienmitglied. Heb deine Arme, mein Schatz, damit ich dir ins Nachthemd helfen kann.“ Langsam kam sie seiner Aufforderung nach. „Aber ich finde, ich sollte dir sagen, dass du keine Chance hast, ihn in dein Bett oder zum Altar zu locken.“

„Doch, das werde ich machen. Wie kommst du darauf, dass ich es nicht tun werde?“

Colin bemühte sich, ihr in die Ärmel des Nachthemds zu helfen, und dabei nicht nach ihren Brüsten zu schielen. Dennoch streifte er unabsichtlich mit dem Handrücken die eine Brust. Ihm stockte der Atem. Fast hätte er aufgestöhnt. Ihre Brüste waren genau so, wie er sie sich vorgestellt hatte – fest und groß genug, um seine Hände zu füllen, aber nicht so üppig, dass sich jeder Mann gleich nach ihr umdrehen würde.

Autor

Fayrene Preston
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